II. Das Kreuz als Prüfstein: von der Inspiration zum Arbeitsdokument

Standaard

Das Kreuz als Prüfstein: von der Inspiration zum Arbeitsdokument

Von der Inspiration zum Arbeitsdokument für die geistliche Unterscheidung des synodalen Weges der Kirche


Einleitung

Die Kirche ist in unserer Zeit unterwegs. Weltweit ist sie eingeladen, eine synodale Haltung einzunehmen: hörend auf den Heiligen Geist, unterscheidend in Gemeinschaft und gemeinsam Verantwortung tragend für ihre Sendung in der Welt von heute. Dieser Weg verlangt mehr als organisatorische Anpassungen oder methodische Erneuerungen. Er berührt den Kern des Kircheseins und stellt die grundlegende Frage, woraus wir leben und wohin wir unterwegs sind.

Dieser Text will zur Inspiration für ein mögliches Arbeitsdokument zum synodalen Weg der Kirche dienen. Er beabsichtigt nicht, ein ausgearbeitetes Programm oder einen festen Rahmen vorzulegen, sondern möchte zu Besinnung, Gebet und geistlicher Unterscheidung anregen. Synodalität wird dabei nicht ausschließlich als Prozess oder Struktur verstanden, sondern als ein geistlicher Weg der Umkehr, der Empfänglichkeit und der Selbsthingabe.

Im Zentrum steht das Kreuz Christi: nicht als Hindernis für Erneuerung, sondern als das entscheidende geistliche Kriterium, das der Unterscheidung und der Fruchtbarkeit des kirchlichen Lebens Richtung verleiht. Unter dem Zeichen des Kreuzes wird sichtbar, dass wahre Erneuerung nicht aus menschlicher Machbarkeit hervorgeht, sondern aus einem Leben, das sich Gott anvertraut.

In einem Kontext von Säkularisierung, kirchlicher Umstrukturierung und gesellschaftlicher Beschleunigung möchte dieser Text daran erinnern, dass die Vitalität der Kirche nicht aus Aktivität oder Organisation erwächst, sondern aus ihrer lebendigen Verbundenheit mit Christus. Wo Synodalität sich von Gebet, Anbetung und eucharistischer Verankerung löst, droht sie ihre innere Orientierung zu verlieren. Wo sie hingegen unter dem Zeichen des Kreuzes gelebt wird, kann sie zu einem Weg der Wahrheit, der Hoffnung und der Liebe werden, ausgerichtet auf die Auferstehung.

Die vorgelegten Überlegungen, Reflexionsfragen und Arbeitspunkte sind als Hilfen gedacht, um synodale Prozesse zu vertiefen und in Stille, Gebet und gemeinsamer Offenheit für das Wirken des Heiligen Geistes zu verankern. Sie wollen Raum eröffnen für Hören, Unterscheiden und Wachsen – im Vertrauen darauf, dass die Kirche auf ihrem Weg getragen wird von dem, der sein Leben hingegeben hat und lebt.


Redaktioneller Rahmen

Der synodale Weg der Kirche wirft weltweit Fragen auf, die über Methodik, Struktur oder Organisation hinausreichen. Während Hören, Beteiligung und gemeinsame Unterscheidung im Mittelpunkt stehen, wächst zugleich das Bewusstsein, dass Synodalität nur dann fruchtbar sein kann, wenn sie in einem tieferen geistlichen Kriterium verwurzelt bleibt.

Dieses mögliche (weltweit verwendbare) Arbeitsdokument möchte einen grundlegenden Beitrag zu dieser Besinnung leisten, indem es das Kreuz Christi als entscheidenden Prüfstein synodaler Prozesse bedenkt. Vor dem Hintergrund von Säkularisierung, kirchlicher Umstrukturierung und gesellschaftlicher Beschleunigung untersucht der Autor, wie Synodalität ihre evangelische Identität bewahren kann.

Dabei wird das Kreuz nicht als Hindernis für Erneuerung verstanden, sondern als hermeneutisches Zentrum, das der Unterscheidung, der kirchlichen Fruchtbarkeit sowie dem priesterlichen und pfarrlichen Leben Richtung gibt. Die Studie verbindet systematisch-theologische Reflexion mit liturgischen und pastoralen Dimensionen und lädt zu einer Neuvergewisserung der Synodalität als geistlichem Weg der Umkehr, der Empfänglichkeit und der Selbsthingabe ein.


Abstract (Zusammenfassung)

Diese Studie untersucht das Kreuz als grundlegendes geistliches Kriterium für den synodalen Weg der Kirche. Vor dem Hintergrund weltweiter synodaler Prozesse, die stark auf Hören, Unterscheidung und gemeinsame Verantwortung setzen, stellt der Beitrag die Frage nach dem inneren Kompass, der diese Prozesse wirklich evangeliumsgemäß macht. Die zentrale These lautet, dass Synodalität nicht auf Methodik oder Struktur reduziert werden kann, sondern wesentlich eine Umkehr des Herzens verlangt.

Im Dialog mit der Heiligen Schrift, der liturgischen Tradition und kirchlicher Erfahrung wird dargelegt, dass das Kreuz kein Hindernis für kirchliche Erneuerung darstellt, sondern deren entscheidender Prüfstein ist. Nur dort, wo synodale Unterscheidung unter dem Zeichen des Kreuzes Christi vollzogen wird, kann die Kirche zu einer glaubwürdigen Gemeinschaft der Hoffnung, der Wahrheit und der Liebe heranwachsen, ausgerichtet auf die Auferstehung.

Schlüsselwörter:
Synodalität – Kreuz – Kirche – Unterscheidung – Leiden – Eucharistie – Ekklesiologie – Umkehr


1. Synodalität und die Frage nach dem Kriterium

Die Kirche zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts befindet sich in einem intensiven Prozess synodaler Neuorientierung. Weltweit wird nach Formen des Kircheseins gesucht, in denen Hören, gemeinsame Unterscheidung und geteilte Verantwortung im Mittelpunkt stehen. Dieser Prozess ist getragen vom Wunsch, Kirche mit den Menschen, unter den Menschen und im Dienst an der Welt von heute zu sein.

Zugleich wirft dieser synodale Weg grundlegende Fragen auf. Was ist das innere Kriterium, das dieser gemeinsamen Weggemeinschaft Richtung gibt? Woran lässt sich prüfen, ob synodale Prozesse wirklich evangeliumsgemäß bleiben und nicht zu bloß organisatorischen oder soziologischen Abläufen verkommen?

In einem Kontext gesellschaftlicher Beschleunigung, abnehmender Selbstverständlichkeit des Glaubens und wachsender Sensibilität für Verletzlichkeit und Leiden genügt es nicht, Synodalität als Methode oder Struktur zu verstehen. Sie berührt den Kern des Kircheseins und setzt eine tiefgehende geistliche Haltung voraus. Synodalität verlangt Umkehr des Herzens. Gerade hier drängt sich das Kreuz als entscheidender geistlicher Prüfstein auf.¹


2. Das Kreuz als hermeneutisches Zentrum des christlichen Glaubens

Das Kreuz ist kein Randphänomen des christlichen Glaubens und auch keine Last aus der Vergangenheit, die hinter sich gelassen werden könnte. Es ist das Zeichen, in dem der Weg Christi selbst sichtbar wird: ein Weg der Hingabe, der Treue und der Liebe, der sich dem Leiden der Welt nicht entzieht. In diesem Sinn fungiert das Kreuz als hermeneutisches Zentrum des christlichen Glaubens.

Das liturgische Bekenntnis: „Wir beten Dich an, Christus, und preisen Dich, denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst“ bringt prägnant zum Ausdruck, dass Erlösung sich nicht am Leiden vorbei vollzieht, sondern gerade in der radikalen Selbsthingabe Christi.² Das Kreuz offenbart damit eine paradoxe Logik: Leben entspringt dort, wo Liebe sich selbst hingibt.

Für die Kirche bedeutet dies, dass ihre Identität nicht primär durch sichtbare Stärke, gesellschaftlichen Einfluss oder Erfolg bestimmt wird, sondern durch Treue in Verwundbarkeit. Wo die Kirche diese kreuzförmige Identität verliert, droht sie ihre evangelische Schärfe einzubüßen und sich selbst zum Maßstab zu machen.


3. Synodalität, Säkularisierung und die Frage nach der Quelle

Im gegenwärtigen kirchlichen Kontext zeichnet sich eine subtile, aber reale Gefahr ab: dass das Sprechen über die Kirche – ihre Pläne, Prozesse und Zukunftsszenarien – das Leben aus Gott selbst in den Hintergrund drängt. Nicht notwendig durch bewusste Ablehnung, sondern dadurch, dass Gott immer häufiger Gegenstand von Analyse und Organisation wird, während er weniger ausdrücklich angebetet und gelebt wird.

Wo Glaube primär als Weltanschauung, Moral oder Engagement verstanden wird, verarmt die innere Dimension. Aktivität, Beratung und Planung nehmen dann leicht den Platz von Gebet, Stille und Anbetung ein. Damit verschiebt sich der Kern des christlichen Daseins: nicht mehr das Leben aus Gott, sondern das Handeln über Gott und um Gott herum.

Synodale Prozesse sind an sich wertvoll, doch ihre Fruchtbarkeit entscheidet sich letztlich an der Frage, woraus sie leben. Wenn Synodalität sich vor allem auf der Ebene von Kommunikation, Konsensbildung und Struktur bewegt, droht sie sich von ihrem Ursprung zu lösen. Das Gespräch kann intensiv und gut gemeint sein, aber innerlich unverbunden: reich an Worten und arm an Anbetung.


4. Kirchengeschichte und Nachfolge: Fruchtbarkeit durch das Kreuz

Ein Blick in die Kirchengeschichte bestätigt diese Paradoxie. Die bleibende Einheit der Kirche trotz Spaltungen, ihre universale Weite und ihre fortwährenden Hervorbringungen von Heiligkeit und Barmherzigkeit verweisen auf eine Lebenskraft, die ihren rein menschlichen Ursprung übersteigt.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass diese Vitalität nicht aus Macht oder Triumph erwachsen ist, sondern aus einer beständigen Teilhabe am Weg des Kreuzes. Verfolgung, Marginalisierung und innere Krisen haben die Kirche nicht zerstört, sondern sie immer wieder geläutert und erneuert. In diesem Sinn kann die Kirchengeschichte als ein Siegeszug des Kreuzes verstanden werden – paschal und nicht triumphalistisch.

Christsein bedeutet, Christus nachzufolgen. Diese Nachfolge schließt die Teilhabe an seinem Weg der Selbsthingabe ein. „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig“ (Mt 10,38).³ Der christliche Glaube verherrlicht das Leiden nicht, erkennt jedoch an, dass dort, wo Leiden unvermeidlich ist, es unter dem Zeichen des Kreuzes zum Ort der Wahrheit und möglicher Fruchtbarkeit werden kann. Das Bild vom Weizenkorn, das stirbt, um Frucht zu bringen (Joh 12,24), bringt diese Dynamik exemplarisch zum Ausdruck.


5. Priesterliches und pfarrliches Leben als Prüfstein der Synodalität

Diese Dynamik wird in besonderer Schärfe im priesterlichen und pfarrlichen Leben sichtbar. Die Krise des Priestertums wird häufig in organisatorischen oder soziologischen Kategorien beschrieben, doch ihre tiefste Herausforderung ist geistlicher Natur: die Frage, ob der Priester aus Gott lebt oder ob er im Laufe der Zeit vor allem für die Kirche funktioniert.

In einem Kontext von Umstrukturierung besteht die reale Gefahr, dass Worte, Pläne und Beratungen den Platz von Stille, Gebet und innerer Empfänglichkeit einnehmen. Die Krise besteht dann nicht primär darin, dass zu wenig getan wird, sondern dass zu wenig empfangen wird.

Auch im pfarrlichen Leben zeigt sich diese Spannung. Eine Pfarrei kann gut organisiert sein und dennoch innerlich arm bleiben. Der erste Auftrag ist daher nicht die Rettung von Strukturen, sondern die Öffnung eines Raumes, in dem Gott neu wohnen kann.


6. Eucharistie und kirchliche Fruchtbarkeit

Im Zentrum all dessen steht die Liturgie, und in besonderer Weise die Eucharistie. Die Eucharistie ist keine religiöse Dienstleistung, sondern die sakramentale Gegenwart der Selbsthingabe Christi. In ihr wird das Kreuz nicht nur erinnert, sondern als Quelle und Maßstab kirchlichen Lebens vergegenwärtigt.⁴

Von diesem eucharistischen Horizont her wird deutlich, dass das Kreuz kein Zeichen des Scheiterns ist, sondern der Orientierung. Wo Christus in Stille und Ehrfurcht empfangen wird, gewinnt Synodalität Tiefe: Hören wird zu Empfänglichkeit, und Unterscheidung wird zu gemeinsamer Offenheit für eine Wahrheit, die niemand besitzt, sondern die geschenkt wird.


7. Schlussfolgerung: Synodalität unter dem Zeichen des Kreuzes

Diese Studie hat dargelegt, dass das Kreuz als entscheidender geistlicher Prüfstein für den synodalen Weg der Kirche fungiert. Synodalität kann nur dann wirklich evangeliumsgemäß sein, wenn sie in einer kreuzförmigen Haltung der Umkehr, der Empfänglichkeit und der Selbsthingabe vollzogen wird.

Die Zukunft der Kirche liegt nicht jenseits des Kreuzes, sondern in seiner Tiefe. Nur dort kann sie zu einer glaubwürdigen Gemeinschaft der Hoffnung werden, weil sie weiß, dass das letzte Wort nicht dem Leiden oder dem Bruch gehört, sondern der Auferstehung. So bleibt die Kirche als pilgerndes Volk unterwegs, getragen nicht von eigener Kraft, sondern von dem, der sein Leben hingegeben hat und lebt.


Fußnoten

  1. Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Lumen gentium, Nr. 8.
  2. Römisches Messbuch, Kreuzverehrung am Karfreitag.
  3. Bibelstellen nach der Einheitsübersetzung.
  4. Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Sacrosanctum Concilium, Nr. 47.

Reflexionsfragen und Arbeitspunkte

I. Für Priester

Kurze Reflexionsfragen

  • Ist mein Sprechen stärker auf Erklärung und Problemlösung ausgerichtet oder auf das Öffnen eines Raumes, in dem Gott sprechen kann?
  • Wo bedarf mein priesterliches Leben einer geistlichen Erneuerung?
  • Wie sichtbar ist die heilige Eucharistie als Quelle meines täglichen Handelns?

Arbeitspunkte

  • Täglich Zeit für stille Anbetung reservieren.
  • Wichtige pastorale Entscheidungen dem Gebet und der geistlichen Unterscheidung voranstellen.
  • Geistliche Leiterschaft einüben, die nicht alles steuern will, sondern Raum für Wachstum lässt.
  • Die eigene Verwundbarkeit bewusst mit dem Kreuz verbinden, statt sie durch Aktivität zu kompensieren.
  • Die Eucharistie als Zentrum des Priestertums wahren, nicht als funktionalen Termin im Kalender.

II. Für Pfarrgemeinden

Kurze Reflexionsfragen

  • Wo ist in unserer Pfarrei Raum für Anbetung, Stille und Gebet?
  • Ist unsere pfarrliche Dynamik stärker auf Organisation oder auf geistliche Vertiefung ausgerichtet?
  • Wie feiern wir die heilige Eucharistie: in Hingabe oder als selbstverständliche Dienstleistung?
  • Wo sprechen wir viel über Gott, leben aber wenig aus Gott?

Arbeitspunkte

  • Pfarrliche Sitzungen mit Gebet beginnen.
  • Feste Zeiten der Anbetung oder stillen Gebets im pfarrlichen Leben schaffen.
  • In liturgischen Feiern Raum für Stille lassen; hastiges Beten vermeiden.
  • Neue Initiativen nicht nur an ihrer Umsetzbarkeit, sondern auch an ihrer geistlichen Tiefe messen.
  • Eine Kultur fördern, in der Glaubensvertiefung wichtiger ist als sichtbare Aktivität.

III. Für synodale Teams

Kurze Reflexionsfragen

  • Wer spricht wirklich in unserem synodalen Gespräch: wir selbst oder auch der Heilige Geist?
  • Wo verwechseln wir Einigkeit untereinander mit Unterscheidung vor Gott?
  • Ist unser Prozess ausreichend im Gebet und in der Umkehr verwurzelt?
  • Was empfangen wir – im Unterschied zu dem, was wir organisieren?

Arbeitspunkte

  • Synodale Treffen mit Stille und gemeinsamem Gebet beginnen und beschließen.
  • Bewusste Zeiten der reflektierenden Stille während der Beratungen einplanen.
  • Bei wichtigen Entscheidungen eine geistliche Prüfungsfrage vom Kreuz her formulieren.
  • Dem Druck schneller Ergebnisse widerstehen und Raum für gereifte Neubewertung lassen.
  • Synodale Prozesse regelmäßig mit Eucharistiefeier oder Anbetung verbinden.

Abschließendes Gebet – Unter dem Zeichen des Kreuzes

Herr Jesus Christus,
Du hast Deine Kirche nicht durch Macht oder Erfolg erlöst,
sondern durch den Weg des Kreuzes.

Lehre uns, auf Deine Stimme zu hören,
nicht nur in Worten und Prozessen,
sondern in Stille, Umkehr und Empfänglichkeit.

Mache uns zu einer Kirche,
die nicht sich selbst sucht,
sondern aus Deiner Liebe lebt
und im Vertrauen auf Dich unterwegs bleibt.

Amen.


Pfarrer Jack Geudens
Smakt, 19. Januar 2026